Weg der evangelischen Räte – Geheimnis dynamischer Kraft und wahrer Freude

03. Januar 2021
Quelle: Distrikt Österreich

Gott gibt jedem Menschen eine Sendung! Jeder soll mithelfen, das Reich Gottes aufzubauen, keiner ist überflüssig! Zu viele Seelen warten darauf, zu Gott geführt zu werden.

Grundsätzlich gibt es für den Christen zwei Wege, auf welchen sie Gott dienen. Auf dem einen bleiben sie in der Welt und heiligen sich im Rahmen ihrer Standespflichten, auf dem anderen ruft sie Gott in seine direkte Nachfolge, damit sie näher bei ihm leben und wirksamer an der Rettung der Seelen arbeiten.

Dem modernen Menschen kommt der zweite Weg als Torheit vor. Welchen Sinn soll es denn haben, sich hinter Klostermauern zu verstecken? Gläubigen jungen Menschen erschließt sich der Sinn, doch manche befürchten, in der Strenge des gottgeweihten Lebens nie glücklich zu werden. Sie haben Angst, „in eine Falle zu geraten“.

Eine Falle?

Natürlich ist die Berufung keine Falle. Im Gegenteil liegt in ihr die höchste Gnade, die Gott hier auf der Erde einem Geschöpf verleihen kann. Und sie ist der Weg zu tiefstem Herzensglück, wenn man die Berufung ernst nimmt.

Um dies zu zeigen, wollen wir uns einige Gedanken machen über die Schönheit und Fruchtbarkeit der geistlichen Berufung. Es sind Gedanken, die euch, liebe junge Menschen, eine Hilfe sein können, in dieser großen Frage klarer zu sehen. 

Der Ruf zur Heiligkeit

Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Schon im Alten Testament hat Gott gesprochen: „Seid heilig, wie ich heilig bin.“ Und im Neuen spricht Jesus: „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Diese Aufforderung richtet sich unterschiedslos an Alle. Auch jene, die als Laien in der Welt leben, sind aufgerufen, mit allen Kräften die christliche Vollkommenheit anzustreben. Auch ihnen ist dies möglich. Um dieses erhabene Ziel jedoch leichter zu erreichen, gibt es einen kürzeren, unmittelbareren und sichereren Weg: 

Der Weg der evangelischen Räte

Die sogenannten drei evangelischen Räte der Armut, der Jungfräulichkeit und des Gehorsams machen im Wesen die gottgeweihte Berufung aus, ob im Priestertum oder im Ordensstand. Man nennt sie evangelische Räte, weil unser Heiland sie im Evangelium in besonderer Weise anrät, damit man sich wirksamer zur Vollkommenheit emporschwingt.

Sie verleihen eine Dynamik, um auf dem Weg der Heiligkeit mit größerer Leichtigkeit und Geschwindigkeit voranzuschreiten und zudem noch andere Menschen auf dem Weg zum Himmel mitzuziehen. Es kann einem wirklich nichts Besseres geschehen, als von diesem göttlichen Antrieb erfasst zu werden.

Das zu verstehen ist nicht ohne Weiteres evident. In den Augen der Welt erscheint es als Torheit, auf alles zu verzichten, was die Welt zu bieten hat. Die Augen des Glaubens aber, vom Licht Gottes erleuchtet, erkennen gerade darin die faszinierendste und spannendste Lebensweise, welche die höchsten Ideale auf wirksamste und zugleich einfachste Weise anstrebt. Hier treffen wirklich die höchsten Superlative zusammen. Versuchen wir das zu beweisen.

Die Armut: Befreierin und Freudenbringerin

Die Tugend der Armut besteht im bewussten Verzicht auf die materiellen Dinge. Bereits darin liegt eine dynamische Kraft! Wer auf irdischen Besitz bewusst vollständig verzichtet, löst sich los von den irdischen Dingen, an denen wir Menschen so sehr hängen. Die Anhänglichkeit an die Welt ist ein gewaltiges Hindernis auf dem Weg zu Gott. Innere Loslösung fällt schwer.Das Gelübde der Armut wirkt darum wie ein Befreiungsschlag, um die Ketten, die uns an das Irdische fesseln, zu sprengen. Die Seele kann so ihren Aufstieg zu Gott, oder besser ihren Flug zu Gott ungehindert aufnehmen, um sich nur noch an ihn zu binden.

Der hl. Johannes vom Kreuz vergleicht die Seele mit einem gefangenen Vogel, der mit allerlei Fäden an den Boden gebunden ist. Erst wenn es gelingt, diese Fäden durchzuschneiden, und zwar bis zum letzten, kann der Vogel emporfliegen. Darin besteht der Segen der Armut als Befreierin der Seele. Die Armut ist mit Verzichten verbunden, die etwas kosten, jawohl. Der Gewinn, der daraus erwächst, ist indes unvergleichlich größer. Man verzichtet auf vergängliche Güter und gewinnt dafür die Liebe zu den ewigen und die Leichtigkeit sie zu erlangen.

Darum sagt Jesus zum reichen Jüngling: „Wenn du vollkommen sein willst, geh hin, verkaufe, was du hast und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach.“

Unter dem Strich bleibt man in jeder Beziehung Sieger. Darin liegt der Grund für die seltsame Tatsache, dass gerade die ärmsten Ordensleute zu den glücklichsten Menschen gehören. Der hl. Franz von Assisi machte mit der Armut aufs radikalste ernst. Zusammen mit seinen ersten Brüdern lebte er in einem Kloster, das man nicht anders als eine jämmerliche Bruchbude nennen konnte. Denn ganzen Winter über war man ohne Heizung. Wenn es regnete, dann regnete es auch durch alle undichten Stellen ins Kloster. Und dennoch waren diese Brüder überaus zufrieden! Ja, sie erregten durch ihre unverwüstliche Fröhlichkeit überall Aufsehen und begeisterten ihre Zeitgenossen in Scharen für den Dienst Gottes. Die richtig geübte Armut ist also – auf geheimnisvolle Weise – Befreierin und Freudenbringerin.

Die Jungfräulichkeit: Hochzeit des Lammes

Auf den ersten Blick erscheint es als ein hartes Opfer, nicht heiraten zu dürfen. Die heutige Polemik um den Zölibat, die kein Ende finden will, zeigt, wie die Menschen diesen Verzicht nicht mehr verstehen. „Wozu soll denn das gut sein?!“

In der Jungfräulichkeit liegt aber ein sehr tiefer Sinn. Sie ist nicht einfach nur Verzicht, sondern steht im Dienst einer höheren Liebe. Der Gottgeweihte verzichtet auf eine irdische Hochzeit, weil er schon in diesem Leben zur Hochzeit des Lammes berufen ist. Er weiht sein Leben der schönsten, vollkommensten und erfüllendsten Liebe, zu der letztlich alle Menschen berufen sind. Denn jede irdische Liebe wird einmal enden und soll einmünden in die Liebe zum himmlischen Bräutigam.

Der gottgeweihte jungfräuliche Mensch macht also einen hervorragenden Tausch, der ihn zudem zu einem herrlichen Zeugnis befähigt! Durch ihr Leben offenbaren die Gottgeweihten nämlich, was die Kirche in ihrem tiefsten Wesenskern ist. Sie ist die jungfräuliche Braut Christi, ganz der Liebe zu ihrem Bräutigam geweiht. So wird sie von Jesus selbst vorgestellt: „Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn Hochzeit hält.“ Gemeint ist die Hochzeit des Bräutigams Christus mit der Braut, der Kirche.

Darum: Wer ins Kloster oder Seminar eintritt, geht zu einer beständigen Hochzeitsfeier. Das Gotteslob, das in den Kirchen gesungen wird, sind die unaufhörlichen Hochzeitslieder, die die Gäste singen, oder präziser ausgedrückt, die die Braut ihrem Bräutigam darbringt.

Papst Pius XII. betont diese tiefe Wahrheit in seiner Enzyklika über die geweihte Jungfräulichkeit nachdrücklich: „Die Jungfrauen bezeugen und bekunden öffentlich die vollkommene Jungfräulichkeit ihrer Mutter, der Kirche und die Heiligkeit ihrer engen Verbindung mit Christus.“

Pius XII. erklärt aber auch, dass das jungfräuliche Leben eine ungeahnte missionarische Fruchtbarkeit zeitigt: „Die Missionsgeschichte kennt unzählige Beispiele, wie gottgeweihte Seelen, in denen die Gottesliebe brannte, hingingen in alle Welt, um gerade den ärmsten und verlassensten Menschen diese Liebe zu schenken, den Aussätzigen und Kranken, um sie zu pflegen und zu trösten, den unwissenden Heiden, um sie zu belehren und ihnen den Glauben zu bringen, den verwahrlosten Kindern, um ihnen Geborgenheit und Erziehung zu schenken ... Diese Jungfrauen sind durch die hohe Heiligkeit ihres Lebens in so großer Zahl die Ehre der Kirche. Die Jungfräulichkeit gibt nämlich den Seelen eine solche geistliche Kraft, dass sie, wenn es notwendig ist, bis zum Martyrium führen kann.“

Der Gehorsam: Vollendung der Freiheit

Die Liberalen erblicken im Gehorsamsgelübde eine ungehörige Einschränkung der persönlichen Freiheit, die eines Menschen unwürdig sei. In Wirklichkeit trägt der übernatürliche Gehorsam zur Vervollkommnung des freien Willens bei. Er neigt leider dazu, die die gottverliehene Freiheit allzu leicht zu missbrauchen, sich der Sünde hinzuneigen oder ganz einfach den bequemen breiten Weg zu gehen, der ins Verderben führt. 

Der berühmte Prediger Bossuet erläutert dies mit einem treffenden Vergleich: „Die menschliche Freiheit ist wie ein reißender Fluss, der von Natur aus die Neigung hat, immer wieder über die Ufer zu treten. Wenn man nun an den Ufern des Flusses Dämme oder Mauern errichtet, um zu verhindern, dass er über die Ufer tritt, seine Wasser verliert, dann bedeutet dies nicht, ihm Schlechtes anzutun, sondern im Gegenteil, es bedeutet, ihn dazu zu bringen, sanfter zu fließen.“

Genau dies geschieht durch das Gehorsamsversprechen: Die Ordensperson unterwirft sich einer straffen Disziplin, damit sie auf das Gute ausgerichtet sei, den Willen Gottes erfülle und leichter vor Irrwegen bewahrt bleibe. Der Gehorsam bedeutet also in Wirklichkeit nicht Einschränkung der Freiheit, sondern deren Vervollkommnung. Das ist auch der dritte Grund, warum das gottgeweihte Leben so fruchtbar ist: Weil man den Willen Gottes jederzeit erfüllt, ist man ein brauchbares Werkzeug in seiner Hand und somit ein Mitarbeiter bei den großen Werken, die Gott unternimmt. 

Grenzenlose Fruchtbarkeit

Die drei evangelischen Räte fordern einen energischen Verzicht, der aber mit unschätzbaren Vorteilen einhergeht. Der Gottgeweihte hat begriffen, dass das Himmelreich die kostbare Perle ist, für die es sich lohnt, alles zu verkaufen und hinzugeben, um sie zu erwerben. Denn er hat sich, wie der Name besagt, Gott und dessen Dienst ganz und gar geweiht. Er gehört ihm vollständig an, und auch Gott gehört ihm ganz und gar. Einen größeren Reichtum kann es nicht geben. 

Das gottgeweihte Leben ist das Heilmittel gegen die riesige Not der heutigen Zeit.  Es nimmt teil an der unendlichen Fruchtbarkeit Gottes und wird so zum unschätzbaren Segen für die ganze Menschheit. Erzbischof Lefebvre schrieb im Jahre 1983: „Je mehr Seelen verloren gehen, umso mehr Berufungen sind notwendig, mehr als jemals sind die Gnaden vom Kreuz unseres Herrn und der Erlösung unverzichtbar. Es ist also heute dringender als je, dass die Seelen sich unserem Herrn als Opfer der Gottes- und Nächstenliebe weihen für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen. Hunderttausende wären nötig in der ganzen Welt, sowohl in den Klöstern wie in den Seminaren und in den geistlichen Häusern für die geistlichen und die körperlichen Werke der Barmherzigkeit.“

Mögen doch viele junge Menschen den Ruf des Heilandes hören: „Folge mir nach!“ Wenn sie ihn vernehmen, können sie nur verlieren, wenn sie ihn nicht annehmen, aber sie haben alles zu gewinnen, wenn sie auf die Liebe mit Liebe antworten.

Quelle: Pater Stefan Frey, Mitteilungsblatt • Distrikt Österreich • Januar 2021