Exerzitien: „Eine Elite von glühenden Seelen heranbilden!“

20. Mai 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Seine Exerzitien haben einen wesentlichen Beitrag zur Gegenreformation geleistet und auch heute noch profitieren Gläubige und solche, die sich auf der Suche nach Gott und sich selbst befinden von den geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola. Anlässlich seiner Bekehrung 1521 feiert die Kirche von Mai 2021 bis Juli 2022 ein Gedenkjahr, das seine Bekehrungsgeschichte und die Geschichte der Exerzitien nachzeichnet. Für das Apostolat der Priesterbruderschaft St. Pius X. spielen die Ignatianischen Exerzitien eine zentrale Rolle. Mit fsspx.de sprach Pater Franz Schmidberger, der diese Exerzitien selbst seit Jahrzehnten predigt, über die Bekehrung des Hl. Ignatius, die Entstehung der Exerzitien und ihren Wert für Kirche und Gläubige.  

Hochwürdiger Pater Schmidberger, neben den Schulen gehören die Exerzitien zum Kern des Apostolats der Priesterbruderschaft St. Pius X. Warum ist das so?

Die Antwort ist einfach: Weil nur katholische Persönlichkeiten eine christliche Gesellschaft neu aufbauen können, und solche Persönlichkeiten geformt werden als Kinder und Jugendliche in katholischen Schulen, als Erwachsene in Exerzitienkursen. Die Erneuerung kommt in der Tat nicht von der Wirtschaft und den Banken, noch von den Massenmedien und der Vergnügungsindustrie, sondern von den unverrückbaren Prinzipien des Naturrechts, der christlichen Soziallehre und vor allem des katholischen Glaubens. Um diese zu vermitteln, bedarf es des Abstandes vom Lärm der Welt, vom Fernsehen und dem Smartphone, um in Stille, Gebet und Nachdenken zum Wesentlichen des Lebens vorzustoßen. Wie könnte man auch anders eine kleine Elite von glühenden Seelen heranbilden, die Sauerteig in einer säkularen Welt sind? 

Worin liegt die besondere Bedeutung der Exerzitien – für die Kirche und den einzelnen Teilnehmer?

In den Exerzitien geht es um das Erfassen der Geistigkeit der Seele, um ein Bewusstwerden des Ernstes des Taufversprechens, um ein Verstehen des Sinnes des Lebens, um die Erkenntnis, welchen Platz mir Gott in ewigen Zeiten in der Kirche und der Gesellschaft zugedacht hat, um mein Ziel zu erreichen, um andere Menschen zu diesem Ziel zu führen und die Gesellschaft mit christlichen Gedanken zu durchdringen: Wo komme ich her – wo gehe ich hin – was ist der Sinn meines Lebens – wozu hat Gott mich geschaffen und in diese heutige Welt des 21. Jahrhunderts gestellt?

In einigen Wochen endet das Gedenkjahr, das an die Bekehrung des Hl. Ignatius von Loyola vor 500 Jahren erinnert. 1521 traf ihn die französische Kugel bei der Schlacht von Pamplona, 1522 ging er nach Manresa. Können Sie ein paar Worte zur Bekehrung des Hl. Ignatius sagen?  

Bei der Schlacht von Pamplona zerschmetterte ein Geschoß den Unterschenkel des Ignatius. Zum beschwerlichen und auch schmerzhaften Heilungsprozess wurde er auf das väterliche Schloss von Loyola gebracht, wo er zunächst seine Phantasie nährte mit Berichten über Heerführer und Schlachten, bis die Literatur ausging. Da brachte ihm sein Bruder zwei religiöse Bücher, unter anderem das Leben Jesu von einem Karmeliten, die ihn anregten, sein Leben hinfort in den Dienst des Christkönigs und dem Aufbau Seines Reiches zu stellen. Als er wieder einigermaßen gehen konnte, machte er sich auf zu einer Wallfahrt nach Montserrat, um seine Waffen zu Füßen der Muttergottes niederzulegen und eine lang dauernde Generalbeichte abzulegen. Dann begibt er sich nach Manresa, einem kleinen Städtchen nördlich von Barcelona, wo er sechs Monate lang mit sich selber über seine Zukunft ringt und dabei die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen des geistlichen Lebens erfährt. Die Frucht dieses sechsmonatigen Kampfes ist das Exerzitienbuch, von dem man sagt, die Muttergottes habe ihm dieses eingegeben für die Geisteskämpfe der modernen Zeit, die ungefähr mit dem Auftreten des Protestantismus und der katholischen Restauration beginnt.

Wie geht es mit der Entstehungsgeschichte der Exerzitien weiter?

Ignatius begibt sich jetzt nach Rom und in das Heilige Land zu einer Wallfahrt. Als er von dort zurückkehrt, sind ihm drei Dinge klar: Erstens will er als Priester der Kirche dienen, zweitens kann er nicht allein kämpfen, sondern braucht Gefährten. Und drittens muss man, um die anstehenden Glaubenskämpfe auszufechten, besser ausgebildet sein als der Gegner. So begibt er sich wieder auf die Schulbank, um sich auf das Universitätsstudium vorzubereiten, das er zunächst in Spanien, dann in Paris absolviert und dort bereits Gefährten um sich sammelt. Zu siebt steigen sie am 15. August 1534 auf den Montmartre, um dort die klassischen Ordensgelübde abzulegen: Armut, Keuschheit, Gehorsam und das vierte Gelübde hinzuzufügen, nämlich in das Land der Mauren zu gehen, um diese für Christus zu gewinnen; würde dies nicht gelingen, dann würden sie sich bedingungslos dem Papst zur Verfügung stellen. Sie machen sich also auf nach Italien; da sind alle Häfen für eine Überfahrt nach Kleinasien geschlossen. So begibt sich Ignatius nach Rom und legt Papst Paul III. seine inzwischen ausgearbeiteten Statuten vor. Der Papst approbiert diese. Damit ist der Jesuitenorden geboren. Jetzt beginnt die Arbeit, zunächst in Italien, mit der normalen Seelsorge: Predigen, Beichthören, dem Begleiten einzelner Männer, die in den Jesuitenhäusern dem Exerzitienbuch in dreißigtägiger Einkehr folgen. Außerdem werden Volksmissionen gepredigt, wobei nur die erste Woche der dreißigtägigen Exerzitien als Programm dient. Aus diesen Exerzitien und Volksmissionen baut sich der Jesuitenorden mit den gewonnenen Berufungen auf.  

Wie kamen die Exerzitien dann von den Jesuiten zur Piusbruderschaft?

1883 wird in Barcelona der sehr katholischen Familie Vallet ein Sohn geboren, Paul Maria, den die Eltern bei den Schulbrüdern auf die Schule schicken und nachher ins Kolleg der Jesuiten. Nach Unsicherheiten tritt er bei den Jesuiten ein und reift zu einem begnadeten Exerzitienprediger heran. 1928 gründet er seine eigene Gesellschaft, die coopérateurs paroissiaux du Christ Roi [Pfarrei-Mitarbeiter von Christkönig] (CPCR) und findet nach vielen Umwegen und Prüfungen eine Heimstatt in der Diözese Valence, zwischen Marseille und Lyon gelegen, wo er ein Exerzitienhaus in Chabeuil aufbaut. Während des II. Weltkrieges schließen sich ihm zwei Pfarrer aus Marseille an, Pfarrer Barielle und Pfarrer Rivière. Insbesondere wird Barielle einer seiner engsten Mitarbeiter. Da nach dem II. Vatikanischen Konzil auch diese kleine Gemeinschaft von den Irrungen und Wirrungen erfasst wird, klopft Pater Barielle 1971 in Ecône an die Tür und stellt sich Erzbischof Lefebvre zur Verfügung. Er wird zum ersten Spiritual von Ecône, hält uns geistliche Vorträge und predigt Exerzitien und führt uns vor allem in das Predigen von Exerzitien ein. So bildet er bis zu seinem Tod am 1. März 1983 eine Seminaristengeneration nach der anderen zum Exerzitienpredigen heran. Gottes Wege sind wirklich wunderbar!

Nun gibt es Ignatianische Exerzitien, Marianische Exerzitien, Eheexerzitien – was sind die Unterschiede und woher weiß man, welche die richtigen für einen sind?

Die Ignatianischen Exerzitien sind nichts anderes als das systematisch dargelegte Evangelium. Darum sind für jedermann richtig, insbesondere für die Männer. Papst Pius XI. schreibt ihnen unter den verschiedenen Exerzitienmethoden in der Enzyklika Mens nostra den ersten Platz zu.

Wie laufen die Exerzitien ab, was muss man mitbringen und wer sollte daran teilnehmen bzw. nicht teilnehmen?

Die Exerzitien, wie wir sie meist für Laien anbieten, dauern normalerweise fünf oder sechs Tage und werden in vollkommener Stille abgehalten, wobei man immer bei den Exerzitienpredigern um Erklärungen, Rat und Richtungsweisungen nachsucht. Sie sind aufgeteilt in vier Wochen: Zunächst geht es darum, den Schutt des vergangenen Lebens wegzuräumen in der Betrachtung der Sünde, ihrer Strafe, des Todes, des Gerichtes und der Ewigkeit; dann das Erfassen des Lebens Christi als Ideal für ein christliches Leben, um sein Leiden und schließlich um seine Herrlichkeit als Aussicht für jedes wahrhaft christliche Leben. 

Jeder erwachsene Mensch sollte daran teilnehmen, auch Andersgläubige sind herzlich eingeladen. Abraten würden wir lediglich Menschen mit einer delikaten Psyche, da sie Schwierigkeiten haben, diesen geschlossenen Rahmen fünf Tage durchzustehen. Mitzubringen ist vor allem Hunger und Durst nach Gott und ein offenes Herz.

Was gibt es Ihnen als Priester, Exerzitien zu predigen?

Beim Predigen von Exerzitien sehe ich mir immer wieder selbst den Spiegel vorgehalten über das eigene Ziel des Lebens, über die Ernsthaftigkeit des christlichen Strebens und das Ringen vieler Seelen im Hinblick auf ihr ewiges Heil. Beschämende Selbsterkenntnis und Freude, Menschen auf den Weg Gottes geführt zu haben, schenken Erfüllung und neuen Schwung zur Selbstheiligung.