Die Christen werden unentschuldbar sein...

11. April 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Der große heilige Apostel Paulus, der Prediger des Kreuzes Unseres Herrn, berichtet, dass er eines Tages durch die Stadt Athen ging und sein Blick zufällig auf einen Altar fiel, der die Aufschrift trug: Dem unbekannten Gott. Er sagt: Zufällig sah ich mit meinen Augen einen Altar, dem unbekannten Gott geweiht. Das nahm er zum Anlass, den Athenern zu verkünden, wer dieser unbekannte Gott ist, den sie verehrten.

Vielgeliebte, teuerste Athener, sagte ihnen der große Prediger des Kreuzes, dieser Gott, den ihr noch nicht kennt, den ich euch eben jetzt kennen lehren will, ist kein anderer als Gott, der ewige Vater, der Seinen Sohn auf die Erde herabsandte, damit Er unsere menschliche Natur annehme. Obwohl Er Gott war wie Sein Vater, in Natur und Wesen ihm gleich, hat Er dennoch in der menschlichen Natur den Tod erlitten, ja den Tod am Kreuz, um dem gerechten Gott, Seinem Vater, Genugtuung zu leisten; der war mit Recht gegen die Menschen erzürnt wegen der Sünde unserer Stammeltern, eine Sünde, die ohne Zweifel allen den ewigen Tod brachte. Wie die meisten Menschen jener Zeit anerkannten die Athener mehrere Götter, doch schließlich bekannten sie, daß unter diesen einer war, den sie nicht kannten.

Der große Apostel nahm also diese Aufschrift zum Anlass, ihnen eine ausgezeichnete Predigt zu halten und sie mit bewundernswerten Ausdrücken den Gott erkennen zu lehren, den sie noch nicht kannten.

.. Da ich hier kurze Zeit zu euch sprechen soll, habe ich bei meiner Erwägung die Augen auf die Inschrift gerichtet, die ich nicht auf dem Altar der Athener, sondern auf dem unvergleichlichen Altar gesehen habe, auf dem Unser Erlöser und Meister sich für uns Gott, Seinem Vater geopfert hat als überaus wohlgefälliges Opfer von unvergleichlicher Lieblichkeit. Dieser Altar ist nichts anderes als das Kreuz, das seither stets als überaus kostbar und anbetungswürdig verehrt wurde. Als ich nun über die Inschrift nachdachte, die auf ihm angebracht ist, glaubte ich nach dem Vorbild des Predigers des Kreuzes keinen anderen Gegenstand als Grundlage nehmen zu dürfen für das, was ich euch zu sagen habe. Nicht daß ich zu euch sprechen wollte über einen unbekannten Gott, denn dank Seiner Güte kennen wir ihn; gewiß könnte ich aber von einem verkannten Gott sprechen. Wir werden euch also diesen Gott nicht kennen lehren, sondern euch lehren, Ihn, der für uns gestorben ist, als ganz liebenswürdig anzuerkennen…

Die Christen werden unentschuldbar sein, wenn sie Ihn nicht aus ganzem Herzen geliebt und ihm gedient haben, denn sie wurden so gut belehrt, wie liebenswert Er ist und wie sehr Er sie geliebt hat, indem Er Sein Leben für sie hingab.

Ich erwäge also die Inschrift, die über das Kreuz gesetzt ist. Wie bewundernswert ist sie doch! Jesus von Nazaret, König der Juden. Wer hätte je annehmen können, daß so heilige Worte durch den erbärmlichen Mund eines derart schlechten Menschen ausgesprochen würden, wie Pilatus es war? Sie waren dennoch sehr wahr, und Unser Herr hat sie in seiner Passion bestätigt..

Als Pilatus die Inschrift des Kreuzes geschrieben hatte, sagte er: „Was ich geschrieben habe, ist geschrieben“ (Joh 19,22); damit bekräftigte er diese Wahrheit.

Was aber wollen diese geheimnisvollen Worte besagen?

1. Jesus bedeutet soviel wie Erlöser;

2. von Nazaret, der blütenreichen, blühenden Stadt;

3. wird gesagt, daß Unser Herr König war: drei Eigenschaften, die Ihm in höchstem Maß zukamen.

Zunächst: Er ist Erlöser. Wie wahr ist das! Er ist Heiland nicht nur der Menschen, sondern auch der Engel. Alle empfangen das Heil von der göttlichen Güte und empfangen es kraft des Todes und Leidens Jesu Christi; denn von Ewigkeit fasste Er diesen Gedanken voll Erbarmen, für alle zu sterben. Man muß aber bekennen, daß die Menschen im Tod und Leiden Unseres Herrn einen Grund unausprechlichen Trostes haben..

Wie lieblich und erfreulich, mehr als man sagen kann, ist dieser Gedanke! Welche Freude, welche Rührung des Herzens, welches Labsal muß diese Wahrheit im Menschen bewirken, daß Unser Herr sein Erlöser und Retter ist und daß er sein Leben von ihm erhält!

.. Es ist nicht das Leben des Leibes, wovon wir zu sprechen beabsichtigen, daran kann niemand zweifeln, sondern das geistliche Leben. Unser Herr besaß nun nicht ein gewöhnliches, kleines Leben, sondern ein überreiches Leben, damit jeder Mensch daran teilhaben und leben kann aus diesem gleichen Leben, nämlich dem der Gnade, das ganz vollkommen und ganz liebenswürdig ist. Um uns aber dieses Leben zu erwerben, hat Unser Herr es für uns erkauft um den Preis seines Blutes und das Seine hingegeben. Also ist unser Leben nicht das unsere, sondern das Seine; wir gehören nicht mehr uns, sondern Ihm. Da er uns erkauft hat, sind wir seine Sklaven. Welch glückliche Sklaverei! Wir dürfen also nicht mehr für uns leben, sondern für ihn. Welche Macht hat dieser Zusammenhang, uns zu veranlassen, dass wir uns ganz dem Dienst dieser himmlischen Liebe weihen, durch die wir so liebevoll begünstigt worden sind, wenn ich es zu sagen wagen darf, sogar mehr als die Engel.... Wird fortgesetzt

Auszug aus einer Predigt des hl. Franz von Sales zum Karfreitag, Annecy, Frankreich, 17. April 1620

 

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